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Die Kreise enger ziehen.

Die Themensuche geht weiter, ich hoffe aber mittlerweile, nicht mehr allzu lange. Gerne würde ich jetzt mit der Quellen- und Literatursuche anfangen und mich einem bestimmten Forschungsobjekt zuwenden. Bei der im letzten Eintrag beschriebenen Besprechung möglicher Themen hat mich der Professor auf ein paar potentielle Ansätze aufmerksam gemacht, denen ich in den letzten Tagen nachgegangen bin.

Zum einen schlug er mir vor, mich mit dem Selbstmord von Bundesanwalt René Dubois auseinander zu setzen, der 1957 eine gravierende Staatsaffäre ausgelöst hatte. Max Ulrich, ein Inspektor der Bundespolizei, welche der Bundesanwaltschaft unterstellt war, war wenige Tage vor Dubois’ Suizid in die Schlagzeilen geraten, weil er angeblich nachrichtendienstliches Material an den französischen Auslands-Geheimdienst SDE weitergegeben hatte. Ulrich wurde vorgeworfen, über einen längeren Zeitraum Informationen über algerische Widerstandsgruppen und deren Sympathisanten in der Schweiz mit einem Agenten namens Marcel Mercier getauscht zu haben (Frankreich versuchte zu jener Zeit mit beträchtlicher militärischer Gewalt die Abspaltung Algeriens von Frankreich zu verhindern), was vermutlich zur Verhaftung von ranghohen Mitgliedern der algerischen Front de Libération Nationale geführt hatte. Informationen, die pikanterweise durch das Abhören von Telefongesprächen der ägyptischen Botschaft in Bern durch die Bundesanwaltschaft gewonnen wurden. Von diesen Geschäften, welche mit dem Primat der Neutralität in der Schweizer Aussenpolitik offensichtlich unvereinbar waren, hatte der zuständige Bundesrat Markus Feldmann seit einiger Zeit Kenntnis und deshalb eine interne Untersuchung angeordnet. Wie die Geschichte, welche verständlicherweise nicht publik gemacht werden sollte, schliesslich an die Tribune de Genève gelangte, welche die Ermittlungen gegen Ulrich aufdeckte, ist bis heute ebenso unklar, wie das Zustandekommen des Kontakts und der Inhalt der als Gegenleistung erhaltenen Informationen. In den Sitzungen der Bundesanwaltschaft wurde Dubois jedenfalls wenig später mit dem Vorwurf Merciers konfrontiert, er selbst sei der Drahtzieher des Tausches gewesen, was den Bundesanwalt offenbar in höchste Aufregung versetzte. Am Morgen des 23. März 1957, nachdem er widerstrebend die Verhaftung Ulrichs veranlasst hatte, eilte Dubois in den Estrich seiner Berner Wohnung, wo er seinem Leben mit der Offizierswaffe schliesslich ein Ende setzte, allerdings nicht ohne vorher in seinem Terminkalender seine Unschuld zu beteuern.

Ein mysteriöser Selbstmord, geheime Kontakte in den dunklen Sphären der Nachrichtendienste, Gerüchte, Verschwörungs- und Vertuschungstheorien in einem äusserst gespannten weltpolitischen Umfeld. Das klingt alles sehr spannend und ist offenbar, auch wegen der Sperrfrist von Archivmatierial, noch nicht oft historisch untersucht worden. Da Ulrich aus Luzern stammte und hier noch Unterlagen über seine Aktivitäten existieren könnten, wäre auch der regionale Bezug gegeben. Andererseits ist mir die Affäre Dubois nicht ganz geheuer. Ich weiss nicht, ob ich mich wirklich in diese Verstrickungen von Geheimdienst, Politik und Wirtschaft begeben soll, da das Thema nicht unbedingt im Rahmen meiner Interessen liegt und mir etwas gar heikel für die Liz-Arbeit erscheint. Vielleicht sind diese Bedenken aber unbegründet und es liesse sich eine spannende mentalitätsgeschichtliche Fragestellung im Umfeld des Kalten Krieges und des Selbstverständnisses der Bundesbehörden formulieren.

Der zweite Vorschlag hängt mit den zahlreichen nationalsozialistischen und faschistischen Organisationen in der Schweiz zusammen, die vor dem Zweiten Weltkrieg unter dem Begriff der Frontenbewegungen zusammengefasst wurden. Deren Aktivitäten in Luzern bis 1945 hat Hans Stutz 1997 bereits detailliert dargestellt, weshalb ich meine Untersuchung auf die Zeit unmittelbar nach dem Krieg, beziehungsweise auf die Auflösung der Bewegungen, sowie den Umgang von Gesellschaft, Justiz und Politik mit ihnen konzentrieren könnte. Dies würde sich mit meinem Interessen an der Nachkriegszeit sowie an den antidemokratischen Strömungen der dreissiger Jahre decken. Unklar ist mir hierbei noch, welche Quellen sich konkret eignen würden und welche Facetten zu berücksichtigen wären. Der Kontakt zum erwähnten Autor könnte hierzu wertvolle Erkenntnisse liefern.


Was die Themensuche in den Archiven ergab, wird beim nächsten Mal ausführlich zur Sprache kommen. Als Abschluss möchte ich heute auf einen praktischen Aspekt der Liz-Arbeit hinweisen. Wie das Journal ist auch die persönliche Literaturdatenbank ein Instrument, dass in fast jeder Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten mit Nachdruck empfohlen wird. Es ist äusserst ärgerlich, wenn man von einem Zitat oder einer Paraphrase nicht mehr weiss, von welchem Autor und aus welchem Buch es oder sie stammt, denn der wissenschaftliche Kodex lässt in so einem Fall nur die Wahl zwischen der zeitraubenden Suche nach der Quelle oder der Verbannung des Gedankens aus der Arbeit. Trotzdem war ich vom vermuteten Aufwand und von der für einen Enthusiast der modernen Informationstechnik steinzeitlich anmutenden Gestalt einer Karteikarte für die Dauer des Studiums zuverlässig abgeschreckt und begnügte mich mit einer bibliographischen Liste, in die ich alle für eine Arbeit relevanten Titel eintrug.

Wie beim Journal versuchte ich jedoch auch auf diesem Gebiet einen Neuanfang und fand in der Literaturverwaltung Citavi, welche von der Uni Zürich für Studenten kostenlos zur Verfügung gestellt wird (die reguläre Testversion ist auf 100 Titel pro Projekt beschränkt; die Vollversion kostet 90 Euro), ein Programm, das die Funktionen von Literaturdatenbank, Terminplaner, Zettelkasten und Internetrecherche in einer Anwendung bündelt und eine Reihe von meiner Meinung nach hervorragenden Möglichkeiten bietet. Ein Buch oder eine Quelle kann manuell oder mittels Recherche in tausenden Bibliothekskatalogen und Datenbanken der Welt direkt in das Projekt übernommen und durch die Abfrage der ISBN-Nummer unter anderem durch das Cover ergänzt werden. Notizen, Zusammenfassungen, Standorte und Signaturen können ebenso eingetragen werden, wie Aufgaben; beispielsweise eine Deadline für die Lektüre oder wann das Buch zurückgegeben werden muss. In der Wissensorganisation lassen sich Zitate und Gedanken festhalten und verknüpfen, in der Aufgabenplanung Termine und Arbeitsschritte des Forschungsprozesses sehr übersichtlich verwalten. Was sich jetzt wie die Werbung eines Softwareherstellers anhört, ist durchaus ernst zu nehmen. Citavi ist äusserst vielseitig, clever implementiert und darüber hinaus sehr benutzerfreundlich; es ist zu einem Hilfsmittel geworden, auf das ich nicht mehr verzichten möchte und fast täglich benutze. Ich empfehle deshalb jedem und jeder es einmal auszuprobieren. Gut möglich, dass andere Programme diese Aufgaben genauso gut übernehmen können, aber die sind mir bislang nicht begegnet.

Falls jemand weiss, wo man die Zitationsregeln des historischen Seminars herunterladen kann oder diese selbst definiert hat, wäre ich für einen Hinweis äusserst dankbar.


Links:


Homepage: http://www.citavi.com

Angebot der Uni Zürich: http://www.id.uzh.ch/dl/sw/angebote/lit/citavi.html


Literaturhinweise:


Blanc, Jean-Daniel/Frisch, Max. Schnüffelstaat Schweiz. Hundert Jahre sind genug. Zürich 1990.

Engeler, Urs Paul. Grosser Bruder Schweiz. Wie aus wilden Demokraten überwachte Bürger wurden. Die Geschichte der politischen Polizei. Zürich 1990.

Jost, Hans-Ulrich. Bedrohung und Enge (1914-1945). In: Im Hof, Ulrich et al. (Hg.). Geschichte der Schweiz und der Schweizer. Basel 1986. S. 731-819.

Meurer, Peter/Schluchter, Manfred. Citavi 2.5. Literaturverwaltung und Wissensorganisation. Das Handbuch. 2009 Swiss Academic Software GmbH. [http://www.citavi.com/de/service/handbuch.html].

Looser, Heinz/Braunschweig, Hansjörg. Die Schweiz und ihre Skandale. Zürich 1995.

Stutz, Hans. Frontisten und Nationalsozialisten in Luzern. 1933-1945. Luzern 1997.

  1. Rouichi
    13. Mai 2010 um 22:49 | #1

    Durch “Zufall” bin ich auf ihre Seite geraten. Wollte vor etwa 10 Jahren im Bundesarchiv, Bern, Unterlagen zum Fall Dubois/ Mercier anschauen, da die Dokumente eigentlich für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Der Archivar meinte mit einem leichten Lächeln, dass diese Unterlagen eine längere Sperrfrist hätten, als andere.

    Der Druck auf die Schweiz/ Dubois kam übrigens nicht nur aus Ägypten, sondern vor allem auch aus Moskau. Zu jener Zeit wurden grössere Schiffsladungen an Waffen vor der algerischen Küste abgefangen. Wo diese Ladungen der ALN (Algerischen Befreiungsarmee) übergeben werden sollten, war nur wenigen bekannt. Die Spuren des Verrats führten in die Schweiz. Dubois hatte sich also einige Feinde geschaffen – und zuletzt die Neutralität gefährdet.

    Schon zur damaligen Zeit war es u.a. den Amerikanern klar, dass Afrika entkolonialisiert werden muss.

    Interessant sind die folgenden vier Jahren. Die Schweiz wird federführend in den Verhandlungen zwischen De Gaulle und der FLN (Front Libération National) um ein unabhängiges Algerien. Es finden erste Kontakte in Luzern, Basel und Yverdon statt.

    Während den Schlussverhandlungen im März 1962 in Evian, wohnen die FLN Delegierte in der Schweiz und werden jeden Tag durch die Schweizer Armee über den See geflogen.

    Heute kommt ein grosser Teil des Gases in der Schweiz aus Algerien.

    Eine Geschichte, die übel begann, fand dann doch noch ein Gutes Ende…

    Gruss A. Rouichi

    PS andere Archive in Frankreich, USA oder Algerien sollten eigentlich zugänglicher sein

    • 15. Mai 2010 um 11:58 | #2

      Vielen Dank für ihre Hinweise. Ich habe mich mittlerweile für ein anderes Thema entschieden, weil ich meinen Schwerpunkt auf die Region Luzern setzen will. Bundespolizist Max Ulrich war zwar aus Luzern, hinterliess hier jedoch meines Wissens keine Spuren über seine Rolle im Fall Dubois.

      Ein Lizentiand der Uni Zürich hatte 2005 offenbar mehr Erfolg bei der Einsicht in die Akten von Bundesanwaltschaft und Bundesgericht. Er fand heraus, dass Dubois von EMD, Geheimdiensten und Waffenlobby unter Druck gesetzt wurde, weil er wahrscheinlich gegen die Geheimdienstkontakte und Rüstungsgeschäfte in den Bundesbehörden vorgehen wollte. Die Algerien-Affäre war somit eher ein willkommener Anlass, den unbequemen Dubois in Misskredit zu bringen.

      Ohne Frage bleiben in der Affäre Dubois noch viele Hintergründe im Dunkeln und sollten noch eingehender thematisiert werden. Besonders die Beziehungen des Militärs zu ausländischen Geheimdiensten und Rüstungsfirmen seit dem 2. Weltkrieg sowie die Praktiken der Bundespolizei, auch im Hinblick auf den latenten Antikommunismus der 50er-Jahre müssten meines Erachtens noch genauer untersucht werden.

      Auch Frankreich tut sich noch sehr schwer mit der historischen Aufarbeitung des Algerien-Kriegs. Die Methoden, mit denen die französische Armee gegen die FLN und ihre Sympathisanten vorging, finde ich für einen demokratischen Staat absolut inakzeptabel und sie werden bei unserem westlichen Nachbar offenbar immer noch totgeschwiegen.

      Grüsse
      Oliver Schneider

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