Hirnvernagelte Knüppelgarden, Tagebücher und ein prominentes Mitglied
Obwohl ich mich nach wie vor mit der im letzten Blogeintrag beschriebenen recht aufwändigen Zeitungsanalyse befasse, hat meine Arbeit doch in vielerlei Hinsicht Fortschritte gemacht. Allmählich nimmt die ganze Sache Formen an, Teile fügen sich zusammen und es entsteht ein immer klarer werdendes Bild von Aufbau und Inhalt der Arbeit, was mir Zuversicht gibt und nicht zuletzt auch motiviert. Um im mikroskopischen Dickicht der Zeitungsartikel nicht den Überblick und den Bezug zu meinen Fragestellungen zu verlieren, habe ich auch immer wieder Arbeitsphasen eingeschoben, in denen ich mich anderen Quellen zuwandte oder mit Literatur zum Thema oder Theorie und Methode beschäftigte, was sehr reichhaltige Ergebnisse zu Tage förderte.
Zum einen bin ich in Luzern denjenigen Organisationen nachgegangen, welche zwar nicht direkt in die Aktivitäten der Bürgerwehren involviert waren, doch in personellen oder ideologischen Beziehungen zu diesen standen. Hier sind besonders die „Liga Schweizerischer Republikaner“, die städtischen und kantonalen politischen Institutionen, die „Neue Helvetische Gesellschaft“ und der „Gewerbeverband der Stadt Luzern“ zu nennen, wobei die beiden letzteren zumindest am Aufbau der Bürgerwehren mitgewirkt hatten. Die Bürgerwehr taucht in den jeweiligen Publikationen und Korrespondenzen zwar nur sehr selten auf, doch werfen diese ein wertvolles Licht auf die Motivationen, Ängste und Wahrnehmungen ihrer Mitglieder, die sich mit den von mir in den Bürgerwehr-Dokumenten festgestellten Mentalitäten an vielen Stellen überschneiden, und lassen somit die Hintergründe der Bewegung klarer erscheinen. Natürlich entstehen durch diese Ausweitung des Fokus meiner Arbeit viele neue Unklarheiten und Lücken, doch dürfte der Nutzen umso grösser sein, da ich zwar für den organisationalen Teil der Arbeit bereits viel Material gefunden habe, der mentalitätsgeschichtliche (und schwerer gewichtete) Teil aber noch mehr Quellen vertragen könnte.
Mit dem soeben Gesagten wird deutlich, dass ich sowohl Thema, als auch Zeitraum meiner Arbeit etwas anpassen musste. Ich werde mich nun ausschliesslich auf die Bürgerwehren mit Schwerpunkt Stadt Luzern zwischen 1918 und 1922 beschränken. Diese Entscheidung hat sowohl konzeptionelle als auch praktische Gründe; einige davon habe ich in den letzten Einträgen bereits angesprochen. Die Verschlankung meiner Arbeit löst unter anderem das Problem, dass die anderen Protestbewegungen der 20er-Jahre immer relativ schwer in das Konzept, das von Anfang an primär auf die Bürgerwehren zugeschnitten war, einzugliedern waren. Etwas unglücklich bin ich über die Notwendigkeit, die kantonalen Bürgerwehren nur oberflächlich und aus städtischer Perspektive betrachten zu können. Der Aufwand, die verstreuten Hinweise auf ihre Existenz zusammenzusuchen – ohne Garantie, das es brauchbare Quellen überhaupt noch gibt – würde den Rahmen meiner Lizarbeit leider sprengen. Exemplarisch kann hier das Beispiel der Bürgerwehr Entlebuch gelten: Aus Otto Wickis 2008 erschienenem Buch „Der erste Weltkrieg. Die Entlebucher an der Landesgrenze“ konnte ich einige Auszüge aus dem Tagebuch des Entlebucher Bürgerwehr-Kommandanten Alfred Ackermann entnehmen; genau die Art von Quelle, die mir bislang gefehlt hatte und für die Erforschung der ländlichen Bürgerwehren wohl sehr nützlich gewesen wäre – ein Glücksfall. Leider musste ich wenig später erfahren, dass Ackermanns Aufzeichnungen, die sich die ganze Zeit über nicht im Archiv- sondern Privatbesitz befanden, mittlerweile verloren gingen und ich mit den zitierten Stellen und den in Luzern vorhandenen Dokumenten auskommen muss.
Die Entschädigung für diese Enttäuschung lies erfreulicherweise nicht allzu lange auf sich warten. Bei einer spontanen, mehr als Fluchtversuch aus der Zeitungslektüre gestarteten Recherche bei Google Books mit den Stichwörtern „Bürgerwehr“ und „Luzern“ stiess ich auf eine umfangreiche Biographie des Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler, der in Luzern seinen Lebensabend verbracht und zu Beginn des Weltkriegs mit der Schrift „Unser Schweizer Standpunkt“ einiges Aufsehen erregt hatte. Was ich bereits vermutet hatte, konnte durch das rasch besorgte Buch bestätigt werden. Carl Spitteler war tatsächlich im März 1919 der „Bürgerwehr der Stadt Luzern“ beigetreten und hatte Schläger, Armbinde und Legitimationskarte erhalten. Was ich genau mit dieser Information anfange, weiss ich noch nicht genau, ich werde zumindest versuchen aus Spittelers Nachlass etwas über seine Mitgliedschaft herauszufinden (Dem Autor der Biographie war diese kaum eine Fussnote wert). Das ein solches intellektuelles Schwergewicht wie Spitteler, einer der wichtigsten schweizerischen Autoren der Jahrhundertwende, sich der Bürgerwehr anschloss, rückt die ganze Organisation in ein neues, spannendes Licht. Sobald ich die erste Phase der Zeitungsanalyse bis Ende 1919 abgeschlossen habe, werde ich mich eingehender mit dem prominenten Mitglied befassen.
Weshalb ich den Zeitungen so viel Arbeitszeit widme, wird deutlich, wenn man sich die Fülle der Quellen anschaut, die sich dabei offenbaren. Vor allem der sozialdemokratische „Centralschweizerische Demokrat“ befasst sich in fast jeder Ausgabe einmal mit der Bürgerwehr. Dabei zeigt sich eine riesige Menge organisatorischer und mentalitätsgeschichtlicher Aspekte, sowohl über die Bürgerwehr selbst, als auch über ihre Kritiker und Unterstützer. Nicht zuletzt erhalten dabei auch diverse Personen ein (parteilich gefärbtes) Gesicht, die ich bislang nur als Unterschrift von den Bürgerwehr-Dokumenten kannte. Darauf werde ich aber erst beim nächsten Mal genauer eingehen. Das gleiche gilt auch für meine Gedanken zur Beziehung zwischen den Bürgerwehren und der konservativen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Schweiz.
Literaturhinweise:
Bussmann, Roman. Die Luzerner Grossstadtratswahlen 1832-1991. Luzern im Wandel der Zeiten Bd. 6. Luzern 1992.
Cuoni, Roland/Pfister, Hans. Maihof-Rotsee. Geschichte und Eigenart eines Quartiers. Luzern 1980.
Gewerbeverband der Stadt Luzern (Hg.). Das Gewerbe. Offizielles Organ des Gewerbeverbandes der Stadt Luzern. Luzern 1916-1957.
Gruner, Erich. Die Parteien in der Schweiz. Bern 1977.
Imboden, Max. Helvetisches Malaise. Zürich 1964.
Kaltenbrunner, Gerd-Klaus. Rekonstruktion des Konservatismus. Freiburg im Breisgau 1972.
Stauffacher, Werner. Carl Spitteler. Zürich 1973.
Thürer, Andreas. Der Schweizerische Vaterländische Verband und die in ihm zusammengeschlossenen Bürgerwehren 1919-1923. Lizentiatsarbeit. Basel 1978.
Tschopp, Silvia Serena. Kulturgeschichte. Basistexte Geschichte Bd. 3. Stuttgart 2008.
Tschopp, Silvia Serena/Weber, Wolfgang. Grundfragen der Kulturgeschichte. Darmstadt 2007.
Wicki, Otto. Der erste Weltkrieg. Die Entlebucher an der Landesgrenze. Schüpfheim 2008.
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