Handout

Dass Carl Spitteler, Träger des Nobelpreises für Literatur, Mitglied der BWL gewesen war, habe ich bereits vor einiger Zeit festgestellt und im Blog festgehalten. Den ersten Hinweis dazu habe ich allerdings nicht in den Unterlagen der Bürgerwehr, sondern in einer Fussnote der Biographie des Schriftstellers gefunden; ich konnte die „Entdeckung“ des ersten prominenten Bürgerwehrlers also nicht für mich reklamieren. Für den heutigen Fund scheint das, zumindest nach der kurzen Recherche, die ich soeben gemacht habe, nicht zu gelten; er war bislang, wie ich glaube, nicht bekannt. Die Mitgliederkartei weist neben Spitteler auch den 1892 geborenen Architekten, Direktor der „Landi“ 1939 und späteren Nationalrat Armin Meili als Mann der Bürgerwehr der Stadt Luzern aus. Sein Vater Heinrich bekleidete bis im August 1920 überdies den Posten eines Führers einer sogenannten „bewaffneten Gruppe“, von denen es in jeder der acht Bürgerwehr-Kompagnien der Stadt je eine gab und die von der Armee mit Gewehren ausgerüstet wurden .

Die Mitgliedschaft dieser beiden über die Stadt hinaus bekannten Persönlichkeiten in der Bürgerwehr ist hochinteressant, sollte aber, in Anbetracht der Grösse der Stadt, nicht überbewertet werden. Trotzdem lassen sie die Relevanz und Bedeutung meines Themas in einem besonderen Licht erscheinen. Spannend wäre, zu ergründen wann und warum sich Spitteler und Meili für den Beitritt entschieden und was sie darüber dachten. Ich hoffe, darüber noch weitere Informationen finden zu können.

Statt das Handout meiner Präsentation vom letzten Herbst als PDF zur Verfügung zu stellen, hielt ich es für einfacher, es direkt im Blog zu veröffentlichen:


Werkstattbericht zur Lizentiatsarbeit:

Mitbürger, wir wollen des Landes altbewährte Freiheit und Ordnung schützen!“ – Die Bürgerwehren Luzerns 1918-1922

Während im November 1918 grosse Teile der schweizerischen Arbeiterschaft in den Generalstreik traten, um gegen die Verschleppung längst überfälliger sozialer Reformen, die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage und das Truppenaufgebot des Bundes anlässlich des Jahrestages der Russischen Revolution zu protestieren, fanden in mehreren Städten des Landes bereits Versammlungen verunsicherter Bürger statt, an denen über die Schaffung von paramilitärischen Organisationen gegen einen befürchteten kommunistischen Umsturzversuch, zur Unterstützung der überforderten Behörden und zum Schutz der vom Streik betroffenen Betriebe beraten wurde.1 Diese Bürgerwehren folgten dabei vielerorts einem ähnlichen Muster. Es waren von industrieller oder gewerblicher Seite angeregte Vereine auf freiwilliger Basis, nach militärischem Vorbild organisiert und stark mit Armee und örtlichen Behörden verflochten (und von diesen mehr oder weniger offen unterstützt) und somit Teil eines „bürgerlichen Schutzwalls gegen jede Form von Sozialismus.“2 Da ihre Initiatoren befürchteten, die staatlichen Behörden würden im Fall erneuter sozialer Unruhen oder Streiks nicht schnell und schlagkräftig genug reagieren können, verstanden sie sich sogar als einzige Truppe, die zum „Niederhalten jeder Bewegung und Aktion des Gegners“ der drohenden Revolution gegebenenfalls auch mit Waffengewalt entgegentreten konnte, bis die regulären Streitkräfte die Lage unter Kontrolle zu bringen im Stande waren.3 Darüber hinaus verfolgten einige Bürgerwehren auch propagandistische Ziele, versuchten auf die politische Entscheidungsfindung Einfluss zu nehmen und bauten eigene Nachrichtendienste für ihre Zwecke auf. Als Dachorganisation zur Koordination, Planung und internationalen Kooperation dieser vielfältigen Aktivitäten, wurde im Frühjahr 1919 der „Schweizerische Vaterländische Verband“ (SVV) gegründet.

Gegenstand der hier vorgestellten Lizentiatsarbeit sind Organisationsformen, Kultur und Wahrnehmungen jener Bürgerwehren, die in der schweren politischen, sozialen und ökonomischen Krise der Nachkriegszeit auch in Stadt und Kanton Luzern aktiv wurden. Dieses Thema soll mittels zweier Fragenkomplexe erschlossen werden. In einem ersten Teil wird versucht, die organisationalen Strukturen nachzuzeichnen. Untersucht werden sollen Aufbau, Machtstrukturen, Planung, Funktionslogiken, die Zusammensetzung und Rekrutierung der Mitgliederbasis sowie die den Organisationen zur Verfügung stehenden Ressourcen. Von besonderem Interesse ist hierbei der Vergleich der im ganzen Kanton gegründeten Bürgerwehren, insbesondere in Hinsicht auf die lokalen ökonomischen und politischen Verhältnisse. Denn auch in vielen ländlichen Gemeinden, die im Unterschied zur Agglomeration Luzern kaum über industrielle Grossbetriebe verfügten, wurden nach dem Landesstreik Bürgerwehren gegründet.4

Im zweiten Teil sollen Bedrohungswahrnehmung, Ziele, Praktiken, Weltbilder und Selbstverständnis der Bürgerwehren und ihrer Mitglieder verdeutlicht werden. Dabei stehen Fragen nach Gründungsmotiven, Deutungs- und Argumentationsmustern, Werthaltungen, Selbstdarstellung und Legitimation, sowie interne Spannungen im Vordergrund. Ausserdem sollen Wahrnehmung und Auftreten der Organisationen in der Öffentlichkeit untersucht werden.

Ursprünglich war geplant, abschliessend den Fokus auf den strukturellen, praktischen und programmatischen Wandel der Bürgerwehren in der kurzen Zeit ihres Bestehens zu legen. Das heftige Aufflackern von verschiedenen bürgerlichen Bewegungen nach dem Weltkrieg und ihr auffallendes Selbstbewusstsein, steht in starkem Kontrast zu ihrem raschen Bedeutungsverlust bis zur Mitte der zwanziger Jahre; diese Entwicklung sollte genauer untersucht werden. Aufgrund praktischer Überlegungen und der Tatsache, dass die bislang gefundenen Quellen nur den Zeitraum bis Ende 1921 dokumentieren, fiel die Entscheidung, den Untersuchungszeitraum entsprechend einzuschränken und den Schwerpunkt auf die Gründungs- und Konsolidierungsphasen der Bürgerwehren zu legen.

Gemäss den beiden Themenkomplexen sollen zur Beantwortung der gestellten Forschungsfragen zwei unterschiedliche theoretische Konzepte zur Anwendung kommen. Wahrnehmung, Deutungen, Selbstverständnis und Selbstdarstellung, Diskurse und Praktiken der Organisationen und ihrer Mitglieder können aus einer kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Perspektive zugänglich gemacht werden. Zur Analyse der formalen und informalen Strukturen, der Tätigkeitsbereiche und internen Prozesse der Bürgerwehren sowie den Beziehungen zu ihrer Umwelt würden sich besonders von der Organisationssoziologie5 entwickelte Konzepte eignen, wobei allerdings Einschränkungen berücksichtigt werden müssen, die sich bei der Anwendung sozialwissenschaftlicher Ansätze auf einen historischen Gegenstand ergeben.

Der grösste Teil der für die Arbeit benötigten Quellen befindet sich im Staatsarchiv des Kantons Luzern. Es handelt sich hierbei einerseits um Dokumente staatlicher Provenienz, andererseits um Material, das aus dem Besitz der zu untersuchenden Organisationen selbst stammt. Die umfangreiche Sammlung von Dokumenten der Bürgerwehren, die erst vor wenigen Jahren vom Staatsarchiv übernommen wurde, beinhaltet Aufnahmegesuche, detaillierte Mitgliederlisten, Versammlungsprotokolle, Abrechnungen, Propagandamaterial, Korrespondenz sowie eine Fülle von Berichten und Dossiers, die der SVV an seine kantonalen Sektionen geschickt hatte. Ebenfalls im Staatsarchiv zu finden sind Publikationen jener Organisationen, welche an der Gründung der Bürgerwehren beteiligt waren oder mit ihnen in Kontakt standen; sowie die Pressetitel, die zur Beurteilung der öffentlichen Reaktion herangezogen werden sollen. Da die Bürgerwehren ihren Anstoss aus industriellen und gewerblichen Kreisen erhielten, ist zu prüfen, ob in den Firmenarchiven der grossen Luzerner Unternehmen weitere Quellen zu finden sind. Problematischer gestaltet sich die Quellenlage im Hinblick auf die in den ländlichen Gemeinden geschaffenen Vereine. Die Suche hängt hier vom Erschliessungsgrad der Gemeindearchive ab und ist deshalb mit beträchtlichem Aufwand bei unklaren Erfolgsaussichten verbunden. Womöglich wäre hier eine Beschränkung auf die grössten Gemeinden des Kantons oder eine von bestimmten lokalen Faktoren geleitete Auswahl sinnvoll.

Die Bürgerwehren, die vielerorts als Reaktion auf die Krisenerscheinungen geschaffen wurden, die im Landesstreik ihren Höhepunkt erreicht hatten, kommen auch in der Forschungsliteratur zur Sprache, die sich diesem Ereignis widmet. Zu nennen sind hier insbesondere Willi Gautschis detailliertes und trotz seines Alters immer noch äusserst wertvolles Werk „Der Landesstreik 1918“ sowie die Arbeit, die Joe Schelbert unter dem Titel „Der Landesstreik vom November 1918 in der Region Luzern“ 1985 verfasst hat. Beide Autoren stellten die Gründung von Bürgerwehren fest, wobei die Haltung der Lokal- und Bundesbehörden von vorsichtiger Zustimmung bis zur von der Sorge um eine Eskalation der angespannten Lage getragenen Ablehnung reichte.6 Schelbert, dessen Darstellung einen wichtigen Bezugspunkt für die Lizentiatsarbeit liefert, beurteilt den Opportunismus Luzerner Industriekreise bei der Einrichtung der Bürgerwehren besonders kritisch und spricht von der Schaffung eines „Staats im Staat“.7 Ein eigenes Kapitel widmet Thomas Greminger den Bürgerwehren von Stadt und Kanton Zürich in seiner Dissertation „Ordnungstruppen in Zürich“. Der Autor zeichnet darin die Debatten auf Bundesebene, zwischen Landesregierung und Armeeführung, beziehungsweise Kantonsebene über die Zweckmässigkeit von Bürgerwehren, die Entstehung und Struktur der Zürcher Stadtwehr sowie ihr Einsatz im Auguststreik 1919 nach.8 Die Entstehung der Basler Bürgerwehr und ihre Rolle während des Auguststreiks hat Hanspeter Schmid im Buch „Krieg der Bürger“9 untersucht. Mit der Geschichte des SVV und seiner Mitglieder schliesslich beschäftigte sich Andreas Thürer bereits in der Lizentiatsarbeit und sie ist auch Thema seiner vor kurzem abgeschlossenen Dissertation. Ein Überblick über den Forschungsstand und die sehr „spärlich vorhandene Sekundärliteratur“ bietet sein Beitrag in der von Michel Caillat et al. herausgegebenen Aufsatzsammlung „Histoire(s) de l‘anticommunisme en Suisse“.10

Auswahlbibliographie:

Dubler, Anne-Marie. Geschichte der Luzerner Wirtschaft. Volk, Staat und Wirtschaft im Wandel der Jahrhunderte. Luzern und Stuttgart 1983.

Endruweit, Günter. Organisationssoziologie. Stuttgart 2004.

Gautschi, Willi. Der Landesstreik 1918. Zürich 1968.

Greminger, Thomas. Ordnungstruppen in Zürich. Der Einsatz von Armee, Polizei und Stadtwehr Ende November 1918 bis August 1919. Basel und Frankfurt am Main 1990.

Guex, Sébastien. Krisen und Stabilisierung. Die Schweiz in der Zwischenkriegszeit. Zürich 1998.

Huber, Max. Geschichte der politischen Presse im Kanton Luzern 1914-1945. Luzern und Stuttgart 1989.

Jost, Hans-Ulrich. Bedrohung und Enge (1914-1945) In: Mesmer, Beatrix/Im Hof, Ulrich (Hg.). Geschichte der Schweiz und der Schweizer. Basel 2004. S. 731-819.

Jost, Hans-Ulrich. Die reaktionäre Avantgarde. Die Geburt der Neuen Rechten in der Schweiz um 1900. Zürich 1992.

Kaltenbrunner, Gerd-Klaus. Rekonstruktion des Konservatismus. Freiburg i. B. 1972.

Landwehr, Achim. Historische Diskursanalyse. Frankfurt a. M. 2008.

Large, David C. The politics of law and order. A history of the Bavarian Einwohnerwehr, 1918-1921. Transactions of the American Philosophical Society Vol. 70. Philadelphia 1980.

Mattioli, Aram. Intellektuelle von rechts. Ideologie und Politik in der Schweiz 1918-1939. Zürich 1995.

Maurer, Michael. Kulturgeschichte. Eine Einführung. Köln 2008.

Preisendörfer, Peter. Organisationssoziologie. Grundlagen, Theorien und Problemstellungen. Wiesbaden 2005.

Reckwitz, Andreas. Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms. Weilerswist 2000.

Ruffieux, Roland. La Suisse de l‘entre-deux-guerres. Lausanne 1974.

Schelbert, Joe. Der Landesstreik vom November 1918 in der Region Luzern. Seine Vorgeschichte, sein Verlauf und seine Wirkung. Luzern 1985.

Schmid, Hanspeter. Krieg der Bürger. Das Bürgertum im Kampf gegen den Generalstreik 1919 in Basel. Zürich 1980.

Stutz, Hans. Frontisten und Nationalsozialisten in Luzern 1933 – 1945. Luzern 1997.

Thürer, Andreas. Der Schweizerische Vaterländische Verband und die in ihm zusammengeschlossenen Bürgerwehren 1919-1923. Lizentiatsarbeit. Basel 1978.

Thürer, Andreas. Der Schweizerische Vaterländische Verband (SVV). Ein “antisozialistischer Schutzwall” (1919-1930/31) In: Caillat et al. (Hg.). Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse. Zürich 2009. S. 133-146.

Tschopp, Silvia Serena. Kulturgeschichte. Basistexte Geschichte Bd. 3. Stuttgart 2008.

Werner, Christian. Für Wirtschaft und Vaterland. Erneuerungsbewegungen und bürgerliche Interessengruppen in der Deutschschweiz, 1928-1947. Zürich 2000.

Wicki, Otto/Kaufmann, Anton. Der Erste Weltkrieg. Die Entlebucher an der Landesgrenze. Schüpfheim 2008.

1Vgl. Jost, Bedrohung und Enge, S. 768f. und Gautschi, Landesstreik, S. 297 und 316.

2Thürer, SVV, S. 133f.

3Schelbert, Landesstreik, S. 81.

4Vgl. ebd. S. 83.

5Vgl. Endruweit, Organisationssoziologie, S. 97 und Preisendörfer, Organisationssoziologie, S. 29.

6Vgl. Schelbert, Landesstreik, S. 80f. und Gautschi, Landesstreik, S. 365f.

7Schelbert, Landesstreik, S. 81.

8Vgl. Greminger, Ordnungstruppen, S. 92-117 und 234f.

9Vgl. Schmid, Krieg, S. 118-122.

10Vgl. Thürer, SVV, S. 133.

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