Wie weiter?

Jetzt wo ich endlich mit dem Schreiben begonnen habe, tauchen bereits Probleme und Blockaden auf, die mich gegenwärtig am Vorwärtskommen hindern. Momentan bin ich mit dem Schreiben des einführenden Kapitels: „Ökonomische, soziale und politische Bedingungen in Stadt und Kanton Luzern am Ende des Ersten Weltkriegs“ beschäftigt, das den Leser oder die Leserin mit dem historischen Hintergrund meines Forschungsgegenstandes vertraut machen soll. Es fällt mir leider sehr schwer, die vielen Informationen aus dem halben Dutzend Bücher, die ich zu dem Thema konsultiert habe, in eigenen Worten und mit Bezug auf das Thema meiner Arbeit in aller Kürze darzustellen; deshalb habe ich mich wieder dem Blog zugewandt – genau für solche Fälle ist er ja gedacht.

Immerhin habe ich mir jetzt ein ziemlich genaues Bild von Aufbau und Inhalt meiner Arbeit gemacht. Ich werde, nach der eben erwähnten Einführung, zuerst die Gründungs- und Organisationsphase der Bürgerwehren (bis April 1919) darstellen, danach einen Abschnitt des organisatorischen Stillstands (bis März 1920) zeichnen und schliesslich auf die (fruchtlosen?) Versuche der Reorganisation der Bürgerwehr bis zum Abbruch der Überlieferung im Dezember 1921 eingehen. Ich habe mich nun also für ein chronologisches Vorgehen entschieden. Dies wurde vor allem durch die Protokollbücher der BWL möglich, in welchen sich diese drei Phasen klar abzeichnen und somit eine derartige Gliederung rechtfertigen. Auch auf der Seite der Theorie habe ich mich für ein Vorgehen entschieden. Wie geplant werde ich die organisatorischen Aspekte des Themas anhand der Methodik der Organisationssoziologie zu beschreiben versuchen. Eine umfassende Organisationsanalyse der Bürgerwehren ist aufgrund der Datenbasis verständlicherweise nicht möglich, trotzdem möchte ich versuchen, einige Modelle und Kategorien aus der Organisationssoziologie auf mein Untersuchungsobjekt anzuwenden, da ich mir davon Erkenntnisse erhoffe, die über die blosse Zusammenfassung der in den Quellen gefundenen Informationen und Mutmassungen über das nicht Überlieferte hinausgehen. Den mentalitätsgeschichtlichen Teil (der nach der neuen Gliederung allerdings kein eigenständiges Kapitel mehr, sondern mit der Organisationsanalyse verwoben sein wird) werde ich um den Begriff der Angst herum aufbauen. Eher zufällig bin ich während der Recherche auf den Historiker Jean Delumeau gestossen, der im Werk „Angst im Abendland“ die kollektiven Ängste der frühen Neuzeit in Europa und ihre psychologischen, sozialen und politischen Hintergründe erforscht hat. Da die Angst ein Gefühl ist, auf das ich während der Quellenauswertung schon mehrfach und in verschiedenen Kontexten gestossen bin und die von Delumeau beschriebene Kultur der Angst einige überzeugende Parallelen mit der Situation Europas nach dem Ersten Weltkrieg (Krieg, Revolutionen, Krankheit, soziale Spannungen und allgemeine Verunsicherung) aufweist, scheint es mir konsequent, anhand dieser mentalitätsgeschichtlichen Kategorie das Denken und Handel im Umfeld der Bürgerwehren zu untersuchen. Als Fragen könnten hierbei zum Beispiel dienen: Welche Ängste lassen sich bei welchen Mitgliedern der Bürgerwehr feststellen? Was wird als Bedrohung wahrgenommen, was als bedroht? Wie verändert sich die Wahrnehmung über den Untersuchungszeitraum? Wie wird versucht Angst zu erzeugen?

Die Festlegung der zwei zentralen methodischen Perspektiven und der Struktur der Arbeit möchte ich zwar noch genauer mit meiner Betreuerin besprechen, trotzdem bin ich mir jetzt ziemlich sicher, mit diesen entscheidenden Voraussetzungen meiner Arbeit auf dem richtigen Weg zu sein. Allerdings stellt sich hier schon wieder die Frage, wie ich diese theoretischen Ansätze konkret auf das Quellenmaterial anwenden und in der Arbeit darstellen soll. Meine Unsicherheit – und Angst – wird auch dadurch verstärkt, dass ich im Moment das Gefühl habe, die vielen in den letzten Monaten aufgenommenen Information nicht mehr recht verarbeiten und in die entstehende Arbeit integrieren zu können. Und dennoch scheint es mir paradoxerweise immerzu, noch nicht genug gelesen und gefunden zu haben.

Zum Schluss möchte ich noch auf einen Link hinweisen, den ich kürzlich der Sammlung oben rechts hinzugefügt habe: Das Historische Lexikon der Schweiz ist ein umfassendes Nachschlagewerk zur Schweizer Geschichte, dass gegenwärtig auf Deutsch, Italienisch und Französisch erscheint und voraussichtlich 2014 abgeschlossen sein wird. Auch durch die Möglichkeit einer Volltextsuche auf der verlinkten Seite hat mir das HLS während des Studiums immer wieder gute Dienste geleistet und ich möchte nicht mehr darauf verzichten.

Literaturhinweise:

Delumeau, Jean. Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts. Reinbek bei Hamburg 1989.

Esser, Hartmut. Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 5: Institutionen. Frankfurt am Main 2000.

Hiery, Hermann Joseph. Angst und Krieg. Die Angst als bestimmender Faktor im Ersten Weltkrieg In: Bosbach, Franz (Hg.). Angst und Politik in der europäischen Geschichte. Bayreuther historische Kolloquien Bd. 13. Dettelbach 2000. S. 167–224.

Schnider, Peter. Fabrikindustrie zwischen Landwirtschaft und Tourismus. Industrialisierung der Agglomeration Luzern zwischen 1850 und 1930. Luzern und Stuttgart 1996.

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